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Quelle: D.Kügler / Magazin für Amerikanistik Heft 2/2.Quartal 2006

 

Marco Briese - DIE OPFERUNG DER LAKOTA

Das vorliegende Buch ist die Dissertation des Verfassers, die 2004 an der Eberhard-Karls-Universität Freiburg vorgelegen hat.

Der Ansatz dieser Arbeit ist die Untersuchung eines Phänomens, das auch im Leitartikel dieser MAGAZIN-Ausgabe eine Rolle spielt - die Vermarktung der Spiritualität indianischer Völker. Es sollte eigentlich für Einsichtige klar sein, daß Religion keine Ware ist, die auf offenen Märkten gegen Bargeld feilgeboten werden sollte, aber genau das geschieht ständig, und die Lakota gehören zu den indianischen Gruppen, die unter dieser Entwicklung besonders zu leiden haben. Mehr als das: indianische Spirituali-

tät hat in den letzten Jahren für viele Strategien zur Geldbeschaffung herhalten müssen. Vermeintliche Weisheiten aus dem Fundus indianischen Geisteslebens gehörten lange auf dem Buchmarkt zu begehrten Themen —wobei kein Mensch je die Frage beantwortete, wie schriftlose Völker diese vielen Einlassungen eigentlich dokumentieren konnten, zumal die orale Tradition in der Reservationszeit starke Einbrüche erlebte. Zudem klingen manche dieser angeblichen „indianischen Weisheiten" verdächtig nach Asien, Indien und anderen Kulturregionen.

Die Indianervölker fühlen sich mittlerweile genervt; denn nach der schriftlichen Vermarktung ihrer Kulturelemente, tauchen Jünger des NewAge zunehmend in Reservationen auf und gehen echten Medizinleuten ebenso wie ganz normalen Indianern gewaltig auf den Wecker. Zudem wird mit wachsender Erbitterung beobachtet, wie selbsternannte Medizinmänner, Pfeifenbewahrer und andere „Häuptlinge" viel Geld mit zweifelhaften Zeremonien verdienen.

Der Autor dieses Buches spießt exemplarisch einige Auswüchse dieses Kults auf. Untersucht wird z. B. das unglaubliche Wirken des „Schamenen Paul Uccusic", der mit phantasievollen Philosphien eine regelrechte sprituelle Geldmaschine in Gang gesetzt hat, wobei seine Lehren sich als bunte Kombination aus Druidentum, germanischen Urreligionen, indianischer Spiritualität und vielen anderen Philosophien darstellen.

Briese prangert diese Machenschaften nicht nur an, er weist auch nach, daß in dieser Form der Ausbeutung indianischen Kulturgutes eine neue Form des Rassismus steckt — was gar nicht überrascht, wenn man die Väter der europäischen Esoterik näher untersucht. Briese analysiert mit zahlreichen Textbeispielen und Zitaten zutiefst rassistische Tendenzen in den Schriften C. G. Jungs und Steiners, grade auch in Bezug auf die „rote Rasse", die Indianer.

Die Hinweise auf die verzerrte Darstellung Sitting Bulls in zahlreichen esoterischen Schriften sind ein weiteres schlagendes Beispiel, wenn auch nicht ausreichend. Interessanterweise haben die fraglichen Autoren entweder von weißen Feinden des Häuptlings abgeschrieben, oder von Indianern, die in der Reservation aufseiten der Behörden standen, um sich Vorteile zu verschaffen, und diesen wirklichen Traditionalisten, spirituellen Führer und politischen Kopf verleumdeten. Ein Mann wie Sitting Bull wäre über die skrupellose Vermarktung seiner Religion durch Weiße in der Tat entsetzt gewesen.

Das Buch ist eine erhellende Lektüre. Allerdings sind die Schlußfolgerungen des Autors nicht immer überzeugend, und einige Formulierungen weisen aus, daß er so sehr auf sein Hauptthema konzentriert war, daß er die Recherche bei den unverzichtbaren Randthemen etwas vernachlässigt hat. Beispielsweise bzgl. der Geschichte der Indianerkriege, der realen Situation heutigen indianischen Lebens, des rechtlichen Status einer Reservation im heutigen amerikanischen Verfassungsalltag, des Rangs eines Stammesrates und eines Stammespräsidenten/vorsitzenden, der rechtlichen Bewertung der alten Verträge in heutiger Zeit... Diese Fragen sind hochkompliziert und eigentlich nur vor Ort, auf Reservationen und im Gespräch mit Stammesjuristen zu klären. Sie hätten mit dem Thema dieser Dissertation nicht unbedingt vermischt werden müssen; denn hier liegen die Schwächen dieser an sich sehr notwendigen Arbeit.

Es stellt sich auch die Frage, ob die Musterbeispiele sehr glücklich gewählt sind. Zweifellos gehörte Uccusic in eine solche Studie. Aber ob man ein lange vergriffenes, vermutlich nicht mal sonderlich erfolgreiches „Trend-Buch" über Managertechniken untersuchen musste, ist fraglich. Es gibt weitaus überzeugendere Beispiele für die skrupellose Vermarktung indianischer Spiritualität, etwa einen pensionierten deutschen Professor, der einst selbst gegen Fälschungen (z.B. die Seattle-Rede) zu Felde zog und dann eilfertig auf den profitablen Zug der Weisheitsbücherei aufsprang und einen Titel nach dem anderen mit vorgeblich indianischen Philosophien produzierte.

Diese Schwachpunkte sind insofern ärgerlich, als das Buch tendenziell und faktisch nur positiv zu bewerten ist. Wer aber ein kontroverses Thema aufgreift und einige Leute (zu recht) an den Pranger stellt, muß damit rechnen, daß diese Leute mit Verweis auf die genannten Fehler behaupten, daß alle anderen Angaben auch nicht korrekt seien. Das setzt die Wirksamkeit herab, und das wäre schade.

Moralische Entrüstung - so gerecht sie auch sein mag — reicht in diesem Fall nicht. Dem Missbrauch indianischer Religion kann man nur mit Fakten zuleibe rücken. Die moralische Anklage verpufft in der Regel — weil die Leute, die es angeht, ihre eigene Moral haben. Und für die anderen ist es egal.

Das Buch ist gut und notwendig. Vor allem die Wiedergabe der Äußerungen eines echten Medizinmannes (161-180) ist die Lektüre wert. Evtl. kann der Autor bei Folgeauflagen einige der Schwächen ausmerzen. Eine redaktionelle Straffung des Textes würde den Kern hervorheben, die Wirkung des Werks würde verbessert.